Erinnerung an den sozialdemokratischen Widerstandskämpfer Jakob Baumann

6. Januar 2018

(MK) Jakob Baumann wurde am 20. April 1893 in Neckarau, das damals noch eine selbstständige Gemeinde war, geboren. Er erlernte den Beruf eines Werkzeugmachers bzw. Feinmechanikers und war bis 1934 Betriebsratsvorsitzender bei der Traktorenfirma Heinrich-Lanz, heute John Deere auf dem Lindenhof. Beim „Lanz“ wurde er aus politischen Gründen entlassen und verhaftet.

Jakob Baumann war verheiratet und hatte zwei Kinder. Seine Tochter Hilde Baumann war später langjähriges Mitglied im Gemeinderat der Stadt
Mannheim und als hauptamtliche Mitarbeiterin bei der IG Chemie -heute IGBCE -sowie bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) aktiv.

Jakob Baumann war von 1928 oder 1930 bis 1933 Stadtverordneter der SPD und nach dem Krieg von 1946 bis 1951 Mitglied des Mannheimer Gemeinderates und als Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall beschäftigt.

Am 31. März 1951 ist er im Alter von nur 57 Jahren verstorben. Seine 10jährige Inhaftierung unter den Nazis ist an ihm nicht spurlos geblieben. Im Juni 2011 wurde vor seinem ehemaligen Wohnhaus in der Mönchwörthstraße ein Stolperstein verlegt.

Wie gefährlich und oft von Zufällen abhängig die illegale Widerstandsarbeit in Nazi-Deutschland war, lässt sich am besten an Hand von einigen Episoden ermessen. Das Beispiel Jakob Baumann soll für viele stehen.

Jakob Baumanns politische Verfolgung weckte und stärkte seinen Widerstandswillen. Er gehörte 1935 zu den Delegierten einer Gewerkschaftstagung in Luxemburg und betätigte sich im Führungskreis der sozialdemokratischen Widerstandsarbeit. Nach Jakob Ott und Karl Mayer war er Bezirksleiter der illegalen sozialdemokratischen Organisation in Baden. Mit Hans Heilig traf er sich öfter in dessen Wohnung und im „Keglerheim“ zu geheimen Treffen. Heilig hatte
das sozialdemokratische Druckschriftenlager für ganz Baden-Pfalz-Hessen zu verwalten und war einer der wichtigsten Verteiler von antifaschistischen Flugblättern, Zeitungen und sonstigen Schriften. Mehrere unglückliche Zufälle führten zur Verhaftung von Jakob Baumann, Hans Heilig und Richard Houssong, einem Kurier aus dem Saarland.

Ein Stuttgarter Funktionär, Wilhelm Braun, seit März 1935 inhaftiert, konnte während einer Zeugenvernehmung fliehen. Er begab sich zu Hans Heilig nach Mannheim und sollte so rasch wie möglich über die Grenze gebracht werden. Zusammen mit Jakob Baumann beschaffte Heilig neue Kleidung und ließ Braun schminken. Baumann nahm ihn mit nach Hause in die Mönchwörthstraße in Neckarau. Hans Heilig ging in seine Wohnung. Da er schon länger verdächtigt
wurde, hatten Polizeibeamte möglicherweise im Zusammenhang mit Brauns Flucht bei ihm eine Kontrolle durchführen wollen. Ein bei ihm geparktes Motorrad führte auf die Spur zu Jakob Baumann. Ein Polizeikommando raste nach Neckarau und entdeckte dort den geflüchteten und gesuchten Wilhelm Braun.

Unglücklicherweise sollte an diesem Tag auch noch Richard Houssong mit einer Materialsendung aus dem Saarland ankommen und von Jakob Baumann am Bahnhof Ludwigshafen abgeholt werden. Als dieser am Bahnhof nicht erschien, fuhr Houssong zu Baumann und wurde dort, samt seiner etwa 1.500 Exemplare der „Sozialistischen Aktion“ (einer antifaschistischen Zeitung) und etwa 3.000 Streuzetteln (heute nennt man das Flyer) im Gepäck, von den Gestapobeamten
prompt in Empfang genommen.

Jakob Baumann wurde wegen angeblichem Hochverrat verhaftet und 1937 zu 10 Jahre Zuchthaus verurteilt. Hans Heilig verbüßte 7 Jahre im KZ. Richard Houssong war 5 Jahre lang inhaftiert.

Jakob Baumann wurde bei Kriegsende von amerikanischen Truppen aus dem Zuchthaus Ludwigsburg befreit.

Nach dem Krieg konnten sich die Parteien nur mit Zustimmung der Besatzungsmächte neu konstituieren. Am 2. September 1945 erhielt die Mannheime Sozialdemokraten als erste Partei vom US-Stadtkommandanten die Erlaubnis sich neu zu konstituieren und schon am 10. Oktober 1945 fand die erste offizielle Versammlung der Mannheimer SPD statt. Per Akklamation wurde Jakob Trumpfheller mit großer Mehrheit zum Vorsitzenden berufen. In den achtköpfigen Parteivorstand wurde auch der damals 52jährige Jakob Baumann berufen, der dem Vorstand mehrere Jahre angehörte.

Der Schwerpunkt der Arbeit von Jakob Baumann nach 1945 war die Reorganisation der Gewerkschaften und die Betreuung der von den Nazis verfolgten. Vor der Neugründung der Parteien hatten sich nach dem Krieg auch in Mannheim antifaschistische Ausschüsse gebildet, die von den Besatzungstruppen „Antifa“ genannt wurden. Diese Gruppen waren einer der ersten Beiträge zur gesellschaftlichen Reorganisation. Die Hauptaufgabe der Antifa bestand in der Beschaffung
von Nahrungsmitteln und Brennmaterialien sowie -in Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht -die Säuberung der Verwaltung und Wirtschaft von Nazis. Diese Antifa-Gruppen waren insbesondere in den Mannheimer Vororten bzw. Stadtteilen aktiv. In K 4, 1 wurde -offenbar in Räumen, die die Stadt zur Verfügung
gestellt hatte -das Antifaschistische Komitee untergebracht, dessen Hauptaufgabe in der Erfassung und Betreuung der politisch Verfolgten lag. Zuerst hatte der Gewerkschafter und Sozialdemokrat Jakob Baumann diese Aufgabe im Gewerkschaftshaus des ADGB in O 4, 8 – wo das JUZ i.S. zuerst seinen Platz hatte -ausgeübt. Im neuen Büro in K 4, 1 übernahm der erst im Mai 1945 aus dem KZ Buchenwald heimgekehrte Kommunist Ernst Göltenbach diese Aufgaben. Es
ging in erster Linie um die Beschaffung von Wohnraum, Kleidung, Lebensmittel und Geld für die ehemaligen Häftlinge. Ende August hatte man 440 ehemalige Häftlinge und 10 Angehörige erfasst.

Im Buch „Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Mannheim“ (Hrsg. Weber/ Matthias) sind für den gesamten Mannheimer Widerstand insgesamt 1.323 Personen erfasst. Quellen sind die Akten des Naziregimes. D.h. die tatsächliche Zahl der Widerstandskämpfer*Innen ist mit Sicherheit höher. Die Datenauswertung ist mit 1.069 Widerstandskämpfern aus allen Parteien und Gruppierungen im Vergleich zu anderen Städten sehr hoch. 83 davon mussten ihren Widerstand mit ihrem Leben bezahlen. Im Zuge der gleich nach dem Krieg eskalierenden Ost-West-Konfrontation wurden die antifaschistischen
Ausschüsse Ende 1945 von den Besatzungsmächten unter Androhung von Strafen verboten. Man verwies auf die inzwischen erfolgte Zulassung der Parteien. Im Zuge dieser Entwicklung entstand faktisch als Ersatzorganisation auch die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN). Am 17. März 1946 wurde
Jakob Baumann in den Landesausschuss der VVN gewählt und am 28. April 1946 fand in den Mannheimer Motorenwerken die erste öffentliche VVN-Versammlung für den Stadt-und Landkreis Mannheim statt. Jakob Baumann wurde zum Vorsitzenden gewählt. Einen Monat später konstituierte sich ein „Betreuungsausschuss zur Wahrung und Vertretung berechtigter Interessen der politisch Verfolgten“ für den Jakob Baumann, inzwischen Stadtrat, verantwortlich zeichnete, ebenso wie Stadtrat Friedrich Schölch (SPD) und Stadträtin Annette Langendorf (KPD). Den 12köpfigen Ausschuss gehörten 4 SPD-
Vertreter, 3 KPD-Vertreter und 2 CDU-Vertreter an. 1949 wurde der Sozialdemokrat Heinrich Mellinger an die Spitze der Mannheimer VVN gestellt. Im Zuge des Kalten Krieges zwischen Ost und West gab es dann einen Unvereinbarkeitsbeschluss zwischen SPD-und VVN-Mitgliedschaft, der in Mannheim allerdings wirkungslos blieb. Ende 1949 waren von 860 VVN-Mitgliedern 111 Mitglieder der SPD.

Quellen: http://widerstandsausstellung.m-o-p.de/ausstellung/beispiel_jakob_baumann.htm

Joachim Irek, „Mannheim in den Jahren 1945 bis 1949“, Band 9 der Veröffentlichungen des Stadtarchivs Mannheim, 1983, Verlag W. Kohlhammer Stuttgart

Vortrag von Mathias Kohler am 7. Mai 2017 im JUZ Friedrich Dürr anlässlich des Jahrestags der Befreiung vom Faschismus und des 70. Geburtstages der VVN-
Bund -der Antifaschisten Mannheim.